Hand und Stift

Bessere Lesbarkeit in Notizen durch einfache Handlettering Übungen für PMs

Der Fineliner hängt zwei Zentimeter über der Zeile, während der Stakeholder zum dritten Mal denselben Satz wiederholt — und ich merke, wie ich gerade ein „S" verziere, das sowieso niemand mehr lesen wird. Genau das ist der blinde Fleck bei den meisten Handlettering-Basics, die online kursieren: Sie zielen auf Schönheit, nicht auf lesbare Meeting-Notizen. Für visuelles Denken in einem SaaS-Alltag zwischen Backlog-Refinement und Stakeholder-Reviews braucht es eher einen nüchternen Productivity-Hack als ein Kunstprojekt.

Lesbarkeit schlägt Ästhetik. Nicht als nette Floskel, sondern als Regel, nach der ich inzwischen jede Zeile ausrichte: Wenn ich zwischen einem hübschen Buchstaben und einem, der in drei Tagen noch verständlich ist, wählen muss, gewinnt immer der zweite.

Der Mythos: Hübsche Schrift macht Notizen lesbar

Auf Instagram sieht Handlettering nach Kunst aus, mit geschwungenen Linien, Pastelltönen und jedem Buchstaben als kleines Projekt für sich. Für jemanden, der zwischen zwei Meetings fünf Minuten Zeit hat, ist dieses Bild Unsinn.

Ich habe früher fertige Meeting-Vorlagen in Confluence kopiert, in der Hoffnung, dass Struktur allein reicht, doch gefunden habe ich damit trotzdem nichts mehr, weil Struktur ohne lesbare Handschrift nur eine leere Tabelle bleibt.

Die Illusion ist, dass „schön" und „lesbar" dasselbe wären. Sind sie nicht. Schöne Schrift bindet Aufmerksamkeit an die Form eines Buchstabens. Lesbare Schrift bindet Aufmerksamkeit an den Inhalt dahinter, und genau die zweite Variante brauche ich, wenn ich gleichzeitig zuhören und mitschreiben will.

Nahaufnahme eines Fineliners beim Schreiben klarer Druckbuchstaben für lesbare Meeting-Notizen

Drei Stellschrauben für lesbare Notizen

Erste Stellschraube: die Grundlinie. Die meisten Menschen schreiben unter Zeitdruck bergauf oder bergab, ohne es zu merken. Ich achte inzwischen bewusst darauf, dass jeder Buchstabe dieselbe imaginäre Linie berührt. Das allein macht ein Protokoll von der ersten Sekunde an ruhiger lesbar, ganz ohne einen einzigen Schnörkel.

Zweite Stellschraube: zurück zu den Grundformen der Serifenlosen Linearantiqua — Druckbuchstaben, wie man sie aus der Grundschule kennt, nur mit einem 0,5-mm-Fineliner statt Bleistift.

Dazu kommt die x-Höhe — die Höhe der Kleinbuchstaben ohne Ober- und Unterlängen. Bleibt sie konstant, wirkt selbst hingeworfene Schrift geordnet, fast wie bei einem UI mit klaren Abständen.

Dritte im Bund sind Blockbuchstaben für Überschriften — Großbuchstaben, konsequent, als optische Trennung zwischen Kernaussage und Detail. Weißraum gehört genauso dazu: Buchstaben brauchen eigenen Platz, auch am Zeilenende, und wenn eine Box im DIN A5 Heft (148 x 210 mm) zu eng wird, ziehe ich lieber eine neue, statt die letzten drei Wörter zusammenzuquetschen.

Der erste brauchbare Fineliner kam nicht aus einem Laden, sondern von Matthias, meinem Nachbarn und ebenfalls im Homeoffice unterwegs — er hat ihn mir zwischen zwei Calls geliehen, und ich habe ihn bis heute nicht zurückgegeben.

Digital habe ich das Ganze auch versucht, aber im Stehmeeting merke ich vor allem, wie warm das iPad auf dem Oberschenkel wird, während ich eigentlich zuhören sollte. Papier gewinnt bei mir in dem Moment einfach durch Trägheit.

Strukturiertes DIN A5 Notizbuch mit Handlettering-Basics für visuelles Denken in Meetings

Wie man ohne jede Vorerfahrung überhaupt in dieses Tempo reinkommt, ohne beim ersten Strich zu verzweifeln, habe ich in einem anderen Text ausführlicher aufgeschrieben, Schritt für Schritt Sketchnotes lernen ohne jegliches Zeichentalent. Die Schrift, um die es hier geht, ist nur das Fundament darunter.

Warum kostet hübsche Schrift Aufmerksamkeit?

Wenn ich mich auf einen dekorativen Schwung konzentriere, schalte ich in dem Moment einen Kanal ab, den ich eigentlich brauche. Die Nuance in der Kritik eines Stakeholders geht unter, während ich ein „S" ästhetisch aufwerte. Kognitive Kapazität ist in einem Meeting ein knappes Gut, dekorative Buchstaben sind eine teure Art, sie zu verschwenden.

Was in der Fachliteratur als selektives Zuhören läuft, spielt hier mit rein — Aufmerksamkeit folgt der Aufgabe, die gerade am meisten kostet, und dekoratives Schreiben gewinnt diesen Kampf öfter, als mir lieb ist. Wie stark Sketchnotes generell beim Zuhören helfen, habe ich an anderer Stelle beschrieben, in dem Text darüber, warum Vorteile von Sketchnotes im Business den PM Alltag im SaaS erleichtern können.

Wann Handlettering nicht das richtige Werkzeug ist

Handlettering ist dabei nicht dasselbe wie Sketchnoting, auch wenn beides im selben Notizbuch landet. Die Schrift sorgt für Lesbarkeit, das Sketchnoting für die Struktur drumherum, und wer beides vermischt, bekommt oft weder das eine noch das andere sauber hin. Wenn das eigentliche Problem eine unübersichtliche Seite ist und keine unleserliche Zeile, hilft kein Fineliner-Training — dann kommt zuerst eine Seitenaufteilung, die trägt, und erst danach eine Schrift, die dazu passt.

Montags-Standup ist für mich der ehrlichste Test dafür. Die Taskverteilung passt inzwischen auf die halbe A5-Seite, in einem Zug lesbar, ohne dass ich hinterher zwei Minuten brauche, um meine eigene Schrift zu entziffern. Daran messe ich, ob eine Übung wirklich etwas bringt oder nur gut aussieht.

Maximilian, ein PM, den ich über einen LinkedIn-Kommentar kennengelernt habe, fragte neulich, ob es dazu Benchmarks aus anderen Unternehmen gibt, etwa wie schnell andere Teams von unleserlichem Gekritzel zu lesbarer Struktur kommen. Die ehrliche Antwort: keine Ahnung, und ich bin skeptisch, ob eine Zahl das überhaupt treffen würde. Das hier ist Handwerk, kein Kennzahlenprojekt.

Hände eines Product Managers beim visuellen Strukturieren von Notizen als Productivity-Hack

Wer die eigene Schrift nicht lesen kann, kann die eigenen Gedanken auch nicht managen, unabhängig davon, wie hübsch das Blatt aussieht. Farbe setze ich mittlerweile nur noch für Struktur ein, nie zur Deko, aber das ist nochmal ein eigenes Kapitel. Der Fineliner liegt jedenfalls schon bereit für das nächste Planning.

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