Hand und Stift

Sketchnotes für Brainstorming nutzen um neue Produktideen im Team zu finden

Eine App mit Projekten, Kontexten und Tags braucht mehrere Klicks, bis eine Idee überhaupt sichtbar wird. Eine aufgeschlagene Doppelseite Sketchnotes braucht nur einen Blick. Genau daran ist mein Versuch mit einer GTD-App gescheitert – Projekte angelegt, Kontexte sauber sortiert, nach drei Wochen nie wieder geöffnet. Seitdem läuft jedes Brainstorming bei uns im Team über Papier, nicht über ein Tool.

Am deutlichsten wird der Unterschied in der Retro. Ich schlage das Notizbuch auf und sehe die ganze Sprintwoche auf einer Doppelseite – kein Scrollen, keine Suche nach dem richtigen Board. Genau dieses sofortige Sichtbarwerden fehlt jedem digitalen Tool, das ich vorher probiert habe.

Für Brainstorming-Runden im Team greife ich trotzdem lieber zum Boardmarker als zum 0.5 mm Fineliner, den ich sonst auf meinem 210 x 297 mm Standardblock benutze – am Whiteboard braucht es die größere Fläche, damit alle mitlesen können.

Laut Kalender verbringe ich 62 Prozent meiner Arbeitswoche in Meetings, viele davon in unserem Konferenzraum mit Blick auf die Speicherstadt, und die meisten drehen sich um Produktideen, die noch keine Form haben.

Hand zeichnet Pfeile und Symbole auf einem Whiteboard während eines Brainstorming-Meetings zu Produktideen

Warum Sketchnotes Brainstorming ehrlicher machen als Listen

Klassisches Brainstorming ist linear: einer spricht, ich schreibe, der nächste ergänzt die Zeile darunter. Am Ende steht eine Liste, die eine Ordnung vorgaukelt, die im Raum so nie existiert hat. Schlimmer: Begriffe wie „nahtlose Integration" verstecken, dass jeder etwas anderes meint – der Entwickler denkt an eine Schnittstelle, der Vertrieb an ein Versprechen.

Eine Zeichnung lässt diese Lücke nicht zu. Wer ein Symbol für seine Idee sucht und keins findet, hat die Idee meist noch nicht zu Ende gedacht. Das ist der eigentliche Filter, nicht das Talent. Wie man dabei überhaupt anfängt, ohne vorher eine Zeichentechnik zu lernen, ist eine andere Frage. Wichtig ist nur, dass der Stift schneller aufs Papier kommt als der Zweifel.

Ein Kollege aus der Entwicklung nimmt mir in solchen Momenten öfter den Stift aus der Hand, um eine Linie zu korrigieren. Plötzlich reden wir über Datenflüsse statt über Buzzwords. Bis dahin rauscht meist nur die Klimaanlage, in den Sekunden bevor der erste Einwand kommt.

Das Grundgerüst: fünf Formen, ein Rahmen

Fürs Brainstorming reichen fünf Grundformen: Punkt, Linie, Kreis, Dreieck, Viereck. Mehr braucht keine Produktidee, egal wie komplex die Architektur dahinter ist. Die Plattform wird zum großen Viereck, eine neue Funktion zum Kreis daneben, und die Linie dazwischen zeigt, ob beide überhaupt zusammengehören.

Was zuerst ins Auge fällt, entscheidet auch, welche Idee im Raum als wichtig gilt. Bei OKRs visuell darstellen für bessere Team Absprachen war das genauso: Wer das Ziel nicht zeichnen kann, hat es meist noch nicht verstanden – bei Produktideen ist es nicht anders, nur lauter und schneller.

Ob der Rahmen ein Raster, ein Kreis oder eine freie Fläche wird, hängt vom Meeting-Typ ab. Ich baue ihn meist schon vor, bevor die Gruppe eintrifft, mit ein paar Containern und Pfeilen, damit niemand vor einer leeren Fläche steht.

Icons und Pfeile: Was wirklich nötig ist

Ein eigenes Icon-Set brauche ich beim Brainstorming selten – ein Kästchen mit Kreuz für „geht nicht weiter" reicht meistens. Eine feste Symbolsprache lohnt sich erst, wenn Sketchnotes regelmäßig fürs Protokoll laufen, nicht nur für eine einzelne Session.

Pfeile sind wichtiger als jedes Icon. Eine dicke Linie mit Abzweigungen zeigt, wie eine Idee durch verschiedene Teams läuft, und macht sichtbar, wo der Fluss abreißt, bevor das jemand laut ausspricht. Ein Kreis mit Kreuz in der Mitte ist manchmal die wichtigste Entscheidung des Tages: Hier geht es nicht weiter.

Brainstorming auf Papier oder digital

Fürs Meeting selbst bleibt bei mir Papier oder Whiteboard im Einsatz, weil es keinen Ladebildschirm gibt und jeder sofort mitzeichnen kann. Kein Login, kein Tool-Zugang, kein Klick auf das falsche Icon, während die Idee schon wieder weg ist.

Ob sich das auf einem Tablet genauso gut anfühlt, ist für mich eine andere Rechnung mit anderen Kompromissen. Fürs Brainstorming in der Gruppe gewinnt bei mir bisher immer die Fläche, die jeder ohne Erklärung versteht.

Farbe ordnet, Schrift lenkt ab

Ich benutze auf dem Whiteboard meistens nur zwei Farben: eine für Ideen, eine für offene Fragen. Ein größeres Farbsystem braucht ein eigenes Regelwerk, das für eine einzelne Brainstorming-Runde zu viel Aufwand wäre.

Wichtiger ist die Abgrenzung zu Lettering. Schöne Buchstaben lösen in einem Brainstorming kein einziges Problem – im Gegenteil, wer an der Schrift feilt, hört auf zuzuhören, und genau das darf in dem Moment nicht passieren.

Zuhören, während die Hand zeichnet

Zeichnen und zuhören gleichzeitig ist am Anfang unangenehm, weil die Hand dem Gesagten hinterherhinkt. Was dabei hilft, den Faden nicht zu verlieren, obwohl der Blick auf dem Papier klebt, ist ein eigenes Thema für sich.

Genauso wichtig ist, welche Sätze man überhaupt festhält und welche man bewusst auslässt. Nicht jede Aussage im Raum ist eine Zeichnung wert, und genau diese Auswahl trainiert man mit der Zeit mehr als das Zeichnen selbst.

Wer moderiert, gibt den Stift nicht ab

Beim Brainstorming gibt die Gruppe das Tempo vor, nicht die Vorlage. Ich moderiere mit dem Stift in der Hand, ohne die Ideen der anderen vorher zu sortieren – wer vorsortiert, bevor der Raum überhaupt fertig gesprochen hat, verliert genau die Idee, die eigentlich wichtig war.

Wer wissen will, wie sich das an einem echten Whiteboard organisieren lässt, findet mehr dazu, wie ich Workshops moderieren kann mit einfachen Sketchnotes am Whiteboard. Am Ende des Meetings fotografiere ich das Board, das Bild landet im Slack-Channel, kein langes Protokoll, keine separate Zusammenfassung.

Als Faustregel reicht das: Findet niemand ein Symbol für eine Idee, ist die Idee noch nicht fertig gedacht. Das spart am Ende mehr Zeit als jede Nachbesprechung, die sonst danach nötig wäre.

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