
Wie man seinem Team in einer Minute erklärt, warum euer Produkt eine Lücke besetzt, die kein Wettbewerber füllt, ohne eine einzige Folie – das ist die zentrale Frage. Diese Frage höre ich öfter, als mir lieb ist, meistens von anderen Product Managern, die in ihrer eigenen Wettbewerbsanalyse feststecken und merken, dass Text allein für Team-Alignment nicht reicht. Visuelles Denken klingt dabei schnell nach Kunstprojekt. Ist es nicht. Sketchnotes sind in meinem PM-Alltag das einzige Werkzeug geworden, das eine Positionierung so zeigt, dass sie nach dem Meeting noch Sinn ergibt. Wie genau, ist aber eine längere Geschichte als ein Satz.
Die kurze Antwort vorweg: Ich zeichne keine Liste, ich zeichne einen Abstand. Seit gut einem Jahr ist dafür ein schlichtes A5-Notizbuch mein wichtigstes Werkzeug im Meeting, nicht um Kunst zu produzieren, sondern um Positionierung so greifbar zu machen, dass sie den Raum überlebt. Den Rest beantworte ich am besten über die Fragen, die mir dazu am häufigsten gestellt werden.
Warum reicht eine Liste nicht für einen Wettbewerbsvorteil?
Eine Bulletpoint-Liste behauptet "schneller, einfacher, günstiger in der Integration". Jeder Wettbewerber schreibt ungefähr dasselbe über sich selbst. Was fehlt, ist der Abstand zwischen den Positionen.
Ich zeichne deshalb ein paar Kreise für die Konkurrenten, grob nach Marktnähe verteilt, dazu einen Pfeil für die Lücke, die unser Produkt besetzt. Der Abstand zwischen den Kreisen zeigt etwas, das kein Adjektiv zeigen kann: wie weit wir tatsächlich auseinanderliegen. Fertig ist die Antwort auf die Frage von oben — nicht behaupten, was wir sind, sondern zeigen, wo die Lücke liegt, die sonst niemand besetzt.

Zeigen statt behaupten
Mein Nachbar Matthias hält das Ganze für Kinderkram. Er arbeitet in der Logistikbranche, und wenn wir morgens zusammen zum Co-Working-Space radeln, am Alsterpark entlang, fragt er fast jedes Mal, wozu ich nicht einfach eine Tabelle mache.
Die ehrliche Antwort: Eine Tabelle vergleicht Features nebeneinander, aber sie zeigt keinen Abstand und keine Richtung. Welche Form ich für einen Vorteil nutze — Kreis, Pfeil, ein kleines Dreieck für eine offene Lücke — ist fast egal, solange ich konsequent bei denselben drei, vier Zeichen bleibe. Ein größeres Symbol-Vokabular für Meetings allgemein ist ein eigenes Thema für sich, hier reicht mir eine Handvoll Formen, auf die ich mich jedes Mal verlassen kann.
Zeichnen können muss dafür niemand. Das Festhalten in Echtzeit zählt mehr als die Strichqualität — man hört es kaum, das Kratzen einer feinen Stiftspitze über glattem Papier, während andere im Raum noch auf ihren Laptop-Tastaturen eintippen, was gerade gesagt wurde. Genau in diesem kleinen Zeitvorsprung entsteht die Skizze, bevor die Diskussion weiterzieht. Welcher Stift am Ende im Mäppchen landet, ist wieder eine andere Frage mit eigener Antwort.
Drei Formen, mehr braucht eine Sketchnote nicht
Drei Formen reichen fast immer: ein Kreis für einen Akteur, ein Pfeil für eine Bewegung oder Lücke, ein Rechteck für einen Rahmen oder Status. Ob zusätzlich ein Rahmen um den wichtigsten Punkt sinnvoll ist, um eine klare Rangfolge auf der Seite zu schaffen, ist nochmal ein eigenes Thema. Mehr Vokabular bremst mich in einem laufenden Meeting ohnehin nur aus.
Wie viel Layout-Struktur eine Seite zusätzlich braucht, hängt vom Thema ab. Bei IT-Prozessen mit vielen Abhängigkeiten sieht eine Seite anders aus als bei einer reinen Positionierungsfrage, und wie stark man dabei abstrahiert, ist nochmal eine andere Entscheidung für sich. Genauso wenig geht es hier um Handlettering — schöne Buchstaben sind ein anderes Handwerk mit einem anderen Ziel, meins ist Tempo, nicht Typografie.
Farbe setze ich sparsam ein, meist nur als zweite Ebene, um eine Kategorie hervorzuheben, mehr nicht. Ein ganzes Farbsystem wäre für eine einzelne Positionierungs-Sketchnote ohnehin überdimensioniert. Und sobald mehrere Stakeholder und Übergaben im Spiel sind, zeichne ich eher einen Fluss als eine Landkarte — auch das eine andere Übung als die hier.

Alignment ist nicht dasselbe wie Zustimmung
Hier liegt die eigentliche Gefahr. Eine Skizze, die zu rund und zu fertig aussieht, lädt zum Nicken ein, nicht zur Kritik. Niemand zerstört gern ein hübsches Bild mitten im Meeting.
Deshalb zeichne ich wackelige Vorteile bewusst mit gestrichelten statt durchgezogenen Linien. Das lädt dazu ein, genau diese Linie anzuzweifeln, statt alles stillschweigend abzunicken. Eine falsch gezeichnete Linie wird einfach durchgestrichen und neu gezogen, kein Tipp-Ex nötig, kein neues Blatt.
Eine Landkarte ersetzt kein Team-Alignment, sie ist nur die Grundlage dafür, dass alle über dasselbe Bild streiten können statt über unterschiedliche Textinterpretationen. Wer lieber eine Stakeholder-Analyse mit kleinen Figuren statt mit Kreisen zeichnet, kann das genauso machen, die Prinzipien bleiben gleich, nur die Symbolik wechselt.
Trotzdem bleiben Wettbewerbsdaten auf einer Sketchnote interne Information. Ich fotografiere solche Seiten nicht einfach in den Teamkanal, dafür reicht in einem SaaS-Kontext ein kurzer Check, was überhaupt geteilt werden darf.

Was tun, wenn ein Vorteil nur auf dem Papier existiert?
Max hat mir genau das geschickt, als knappe Frage mit einer Zahl dran, so wie er das immer macht: Was, wenn ein Vorteil in der Sketchnote sauber aussieht, aber im Produkt noch gar nicht existiert?
Er ist Junior PM bei einem anderen SaaS-Unternehmen, wir kennen uns nur über einen LinkedIn-Austausch, aber seine Fragen treffen meistens den wunden Punkt. Eine Sketchnote lügt nicht von selbst, aber sie kann einen Wunsch wie eine Tatsache aussehen lassen, sobald die Linie durchgezogen statt gestrichelt ist.
Deshalb gilt bei mir eine feste Regel: Jeder noch nicht gebaute Vorteil wird im Bild auch optisch als offen markiert, sonst verwechselt das Team Pläne mit tatsächlichem Produktstand. Denselben Grundsatz befolge ich, wenn wir User Research Ergebnisse visuell aufbereiten: Ein Zitat von einem Nutzer ist kein Produktversprechen, nur weil es neben einem schönen Pfeil steht.
Papier schlägt Tool im Stakeholder-Gespräch
Ob das auf einem iPad genauso funktioniert, werde ich auch oft gefragt. Teilweise — aber das ist ein eigener Vergleich mit eigenen Abwägungen, den ich hier nicht aufmachen will.
Im Stakeholder-Gespräch selbst merke ich vor allem eines: Papier schickt keine Benachrichtigungen, und niemand sieht auf einem Bildschirm, wenn ich kurz nicht mitkomme. Das hilft auch der Konzentration in Online-Meetings, wo Aufmerksamkeit ohnehin ständig von irgendwoher abgezogen wird.
Zuzuhören und gleichzeitig zu entscheiden, was überhaupt auf die Seite kommt, ist die eigentlich schwierige Fertigkeit — schwerer als jede Zeichentechnik. Dieselbe Reduktion brauche ich später, wenn ich Product Release Notes visuell aufbereite, auch da geht es darum, aus zu vielen Informationen die paar Linien herauszufiltern, die tatsächlich zählen. Wiederkehrende Muster aus Kundenfeedback clustere ich inzwischen nach einem ähnlichen Prinzip, nur mit einem anderen Ziel als bei der Wettbewerbslandkarte.

Wo die Methode an ihre Grenzen stößt
Sketchnotes ersetzen auch keine Entscheidungsdokumentation. Das musste ich lernen, bevor ich überhaupt bei Skizzen gelandet bin.
Ich hatte vorher versucht, für wirklich jede einzelne Entscheidung ein eigenes Linear-Ticket anzulegen, in der Hoffnung, dass sich daraus ein sauberer Verlauf ergibt. Nach kurzer Zeit wusste niemand mehr, welche Tickets überhaupt Entscheidungen waren und welche nur Ideen, die irgendwer mal reingeworfen hatte.
Eine Positionierungs-Skizze löst das nicht. Sie zeigt die Logik hinter einem Vorteil, nicht den Beschluss selbst. Montags im Standup zeichne ich inzwischen trotzdem die Aufgabenverteilung für die Woche auf eine halbe Notizbuchseite, bevor im Chat überhaupt das erste "wer macht eigentlich was" auftaucht. Das ist eher Wochenplanung als live mitgeschriebene Diskussion, eine andere Übung mit eigenen Regeln — aber auch das ersetzt kein Protokoll, es beschleunigt nur das Gespräch davor.
Wer eine ganze Moderation samt Whiteboard für einen Workshop plant, braucht ohnehin ein paar zusätzliche Kniffe, die über eine einzelne Landkarte hinausgehen. Genau dieselbe Lücke zwischen Skizze und Beschluss merke ich, wenn es darum geht, die Produktvision zu visualisieren: Das Bild macht die Richtung sichtbar. Die Entscheidung trifft es nicht für einen.