Hand und Stift

Tägliches Sketchnotes Tagebuch führen gegen Stress im Büro Alltag

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Drei angefangene Notizbücher stehen im Regal über meinem zweiten Monitor, keins davon zu Ende geführt. Genau das hält vermutlich die meisten Leute davon ab, mit Sketchnotes überhaupt erst anzufangen.

Kurzer Hinweis vorab: Dieser Text enthält Affiliate-Links. Bucht jemand darüber einen Kurs, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich etwas teurer wird. Verlinkt ist nur, was ich selbst über Monate in echten Stakeholder-Runden getestet habe.

Ich arbeite als Product Manager in einem Hamburger SaaS-Unternehmen, und mein Kalender besteht laut eigener Auswertung zu 62 Prozent aus Meetings. Sketchnotes waren bei mir nie als Kunstprojekt gedacht, sondern als eine Form von Stressbewältigung im Product-Management-Alltag, die zufällig auch noch etwas fürs Team abwirft. Genau deshalb nervt mich ein Mythos, der sich in jedem zweiten Beitrag zum Thema hält: Ohne ein lückenlos geführtes, tägliches Tagebuch soll die Technik angeblich nichts bringen.

Der Mythos vom lückenlosen Sketchnotes-Tagebuch

Bevor die erste Zeichnung entstand, gab es bei mir eine Tabelle in Google Docs, fein säuberlich mit Spalten für Thema, Entscheidung und Verantwortlich. Durchdacht, konsequent geführt, jedes Meeting brav eingetragen. Nach dem dritten Termin war sie so vollgestopft mit Unterpunkten und nachträglichen Kommentaren, dass ich selbst nicht mehr wusste, welche Zeile zu welcher Diskussion gehörte. Das System war lückenlos. Gebracht hat es trotzdem nichts.

Nahaufnahme einer Hand, die ein Sketchnotes-Symbol für Visual Thinking ins Notizbuch zeichnet.

Kunst ist damit nicht gemeint. Wer einen Kreis, ein Dreieck und ein Quadrat zeichnen kann, hat technisch alles, was nötig ist. Ich habe damals den Sketchnotes Kurs gemacht, mit Fokus auf Projekt- und Meeting-Notizen statt auf schöne Schrift — genau das, was es braucht, um Schritt für Schritt Sketchnotes lernen ohne jegliches Zeichentalent tatsächlich in den Alltag zu ziehen.

Warum hält sich der Mythos so hartnäckig?

Es gibt eine simple Erklärung dafür, warum die Tabelle trotz aller Sorgfalt nicht half: Die Dual-Coding-Theorie beschreibt, dass Informationen besser hängen bleiben, wenn sie verbal und visuell gleichzeitig verarbeitet werden. Eine Tabelle ist so verbal, wie ein Dokument nur sein kann. Kein Wunder, dass reines Durchhalten daran nichts ändert.

Vor ein paar Wochen hat sich Sina Gottwald gemeldet, eine Leserin, die als Unternehmensberaterin Sketchnotes in einem Kundenprojekt einsetzen will, obwohl sie selbst keinen Zeichenhintergrund hat. In ihren Mails taucht regelmäßig ein neuer Rückschlag auf: eine Linie, die danebenging, ein Symbol, das ihr Kunde nicht verstanden hat. Aufgegeben hat sie trotzdem nie. Das widerlegt den Mythos zuverlässiger als jede Anleitung: Es ist nicht die Disziplin, ein Heft ohne Lücke zu führen, die zählt, sondern die Bereitschaft, es nach einem missglückten Versuch wieder aufzuschlagen.

Am Eppendorfer Baum, wo ich in der Mittagspause manchmal eine Runde drehe, sehe ich häufiger, wie viele Kolleginnen und Kollegen genau an diesem Punkt aufgeben: nach dem ersten missglückten Symbol, weil sie erwartet hatten, das Ritual müsse ab Tag eins perfekt sitzen.

Visual Thinking ist kein Ritual, sondern ein Werkzeug

In einem Stakeholder-Review, in dem drei Abteilungen völlig unterschiedliche Vorstellungen vom User-Onboarding hatten und sich die Diskussion im Kreis drehte, habe ich das Notizbuch unter die Dokumentenkamera gelegt und live angefangen, die Positionen als Pfeile und Kästen zu zeichnen. Unter dem Neonlicht des Besprechungsraums blieb der Posca-Stift auffällig matt auf dem Papier, ohne den Glanz, den er auf dem Bildschirm vorher hatte.

Gisa, UX Lead im Nachbarbereich, die seit dem letzten Büro-Refit zwei Schreibtische weiter sitzt, zeigte kurz danach auf die Skizze und ordnete zwei Kästen anders an — genau nach dem Muster, das sie sonst aus ihren eigenen Design-Reviews kennt. Niemand hatte sie darum gebeten. Das visuelle Referenzobjekt hatte plötzlich eine Eigendynamik, die eine Tabelle nie entwickelt hätte.

Der Auslöser ist bei mir immer derselbe: Sobald ein Argument zum zweiten Mal in anderen Worten auftaucht, greife ich zum Stift. Nicht der Kalendertag entscheidet, nicht eine Mindestzahl an Seiten pro Woche — sondern der Moment, in dem sich ein Gespräch zu drehen beginnt.

Ein Kollege aus einem Nachbarteam hat eine dieser Retro-Seiten mal einfach abfotografiert und ungefragt in den Team-Channel gestellt, mit dem Kommentar, so sollten alle Retros dokumentiert werden. Gefragt hat er mich vorher nicht. Gestört hat es mich trotzdem nicht besonders.

Symbole, Farben, Layout — was hier bewusst fehlt

Was ich hier bewusst ausklammere: Wie man Wichtiges optisch von Nebensächlichem trennt, ist ein eigenes Thema für sich. Genauso das Symbol-Set, das in Business-Meetings tatsächlich trägt, oder die Entscheidung, ob ein Blatt in Spalten, Zonen oder frei aufgeteilt wird. Ob Papier oder iPad am Ende das bessere Werkzeug ist, klären andere Texte von mir. Auch welche Farbe für welchen Bereich steht, gehört nicht hierher — genauso wenig wie der Unterschied zwischen schöner Handschrift und dem, was ich mache: Das eine ist Lettering, das andere sind Notizen unter Zeitdruck.

Für die Sketchnotes für bessere Konzentration in Online Meetings nutze ich das Zeichnen schon lange, außerhalb von Meetings verschiebt sich der Anker allerdings: Dann strukturiert der Stift nicht mehr fremde Redebeiträge, sondern den eigenen Kopf nach Feierabend. Dass dabei nebenbei eine Übung im selektiven Zuhören steckt, ist wieder ein eigenes Kapitel, genau wie die Frage, wie sich ganze IT-Prozesse für Stakeholder als Fluss aus Pfeilen und Boxen notieren lassen. Live vor einer Gruppe zu moderieren und dabei gleichzeitig zu zeichnen, ist nochmal eine ganz andere Disziplin, die ich hier nicht aufmache.

Der Auslöser zählt, nicht das Ritual

Das Material spielt trotzdem eine Rolle, nur nicht so, wie der Mythos es behauptet. Ich nutze inzwischen gezielt die besten Sketchnotes Stifte für Einsteiger ohne Design Hintergrund, weil ein schmierender Stift den Stress erhöht statt ihn zu senken. Wer lieber aufs iPad wechselt, findet im Digital Lettering Kurs die Grundlagen für Procreate und Apple Pencil — bei mir blieb es beim Papier, weil ich den Abstand zum Bildschirm brauche.

Ein Tagebuch, das jeden Tag lückenlos gefüllt wird, ist kein Ziel. Ein Auslöser, den man erkennt, bevor das Meeting endgültig kippt, schon eher. Wer damit anfangen will, sollte nicht mit einem leeren Heft und dem Vorsatz starten, ab morgen jeden Tag zu zeichnen — ein Kasten für die nächste zirkuläre Diskussion reicht. Der Sketchnotes Kurs war für mich der Punkt, an dem aus wildem Gekritzel überhaupt eine Systematik wurde. Die Systematik ersetzt trotzdem nicht das Erkennen des richtigen Moments.

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