
Dienstag, später Nachmittag im Hamburger Büro. Draußen regnet es gegen die Scheiben, drinnen starre ich auf ein zehnseitiges Übergabedokument in Confluence. Ich weiß genau: Mein Nachfolger wird das niemals ganz lesen. Er wird den Tab öffnen, die Textwüste sehen und ihn sofort wieder im digitalen Nirwana verschwinden lassen.
Hinweis: In diesem Text finden sich Affiliate-Links. Wenn du über diese Links einen Kurs kaufst, erhalte ich eine Provision – für dich kostet das keinen Cent mehr. Ich empfehle hier nur den Sketchnotes-Kurs, den ich selbst monatelang in meinen Meetings durchgearbeitet habe, um mein eigenes Chaos zu sortieren.
Die Realität als Product Manager ist nüchtern. Laut meinem Kalender verbringe ich 62 Prozent meiner Arbeitswoche in Meetings. Das Ergebnis waren bisher endlose Protokolle, die nach dem dritten Quartal 2025 so unleserlich wurden, dass ich sie selbst nicht mehr entschlüsseln konnte. Ich musste etwas ändern.
Das Problem mit der Textwüste bei Übergaben
Wenn ein Projekt an einen anderen Product Manager oder ein Dev-Team übergeben wird, ist die Informationsdichte hoch. Wir neigen dazu, jedes Detail in Bullet Points zu pressen. Das Problem: Text ist sequenziell. Das Gehirn muss ihn mühsam dekodieren. Visuelle Informationen hingegen verarbeiten wir fast simultan – ein Prinzip der Dualen Kodierungstheorie, das ich erst viel zu spät verstanden habe.
Ende des letzten Jahres saß ich in einer Übergabe für ein neues Feature-Set. Ich tippte wie ein Wahnsinniger mit. Am Ende hatte ich drei Seiten Text, aber kein Gefühl für die Architektur. Da erinnerte ich mich an meinen ersten Versuch mit dem /see/main. Ich fing an, Informationen nicht mehr untereinander zu schreiben, sondern in Containern anzuordnen.

Ich benutze seitdem nur noch 5 Grundelemente der Bildsprache: Punkt, Linie, Kreis, Viereck und Dreieck. Mehr braucht es nicht. Es geht nicht um Kunst. Es geht um Struktur. Das leise, rhythmische Kratzen des Fineliners auf dem Papier, während im Video-Call alle gleichzeitig reden, hilft mir zudem, mich zu fokussieren. Es ist fast meditativ, während der Stakeholder zum fünften Mal die Prioritäten verschiebt.
Vom Scheitern und weinenden Hunden
Natürlich lief nicht alles sofort perfekt. Vor ein paar Wochen wollte ich eine komplexe API-Schnittstelle zeichnen. In der Hektik des Meetings endete mein Versuch in einem riesigen Tintenfleck, der am Ende aussah wie ein weinender Hund. Mein Kollege starrte auf das Blatt und war völlig verwirrt. „Soll das die Fehlermeldung sein?“, fragte er trocken. Ich musste lachen. Ich habe daraus gelernt, dass Fehler in Sketchnotes dazugehören.
Trotzdem: Ein misslungener Hund ist immer noch besser als eine Seite Text, die niemand liest. Ich habe angefangen, meine Übergaben auf einem einzigen A4-Blatt zu strukturieren. Ein One-Pager, der die Kernlogik zeigt. Keine Schnörkel. Nur Boxen, Pfeile und ein paar Icons für die Stakeholder.
Ich kombiniere das oft mit einer visuellen Meeting-Zusammenfassung. Das spart Zeit. Viel Zeit. Vor allem nach dem ersten Quartal 2026 merkte ich, dass die Anzahl der Slack-Rückfragen nach meinen Übergaben spürbar sank. Die Leute hatten das „Big Picture“ buchstäblich vor Augen.
Warum Präzision für PMs anders funktioniert
Interessanterweise gibt es Bereiche, in denen visuelle Notizen ganz anders funktionieren müssen. In der Chirurgie oder der Luftfahrt wäre meine „Sketchnote-Ästhetik“ lebensgefährlich. Dort ist kreative Unschärfe fatal; jedes Symbol muss standardisiert und absolut präzise sein. Wir im SaaS-Bereich haben den Luxus, dass eine leicht schiefe Box kein Flugzeug zum Absturz bringt.
Aber: Wir leiden unter Informations-Overload. Für uns sind Sketchnotes kein Tool für künstlerische Selbstdarstellung, sondern für Informationsarchitektur. Wenn ich eine Software Architektur visuell darstelle, will ich keine Schönheitspreise gewinnen. Ich will, dass der Entwickler versteht, wo die Daten fließen.

Vor ein paar Tagen passierte etwas, das mich motiviert hat, mein öffentliches Tagebuch weiterzuführen. Ein Entwickler aus dem Team kam an meinen Platz und fragte, ob er ein Foto von meiner handgezeichneten Projektskizze machen dürfe. Er hat sie sich später tatsächlich an seinen Monitor gepinnt, weil sie für ihn klarer war als das offizielle Wiki-Dokument. Das war der Moment, in dem ich wusste: Die 62 Prozent Meeting-Zeit sind nicht mehr ganz so verschwendet.
Wer wie ich keinen Design-Hintergrund hat, dem empfehle ich wirklich, sich die Grundlagen im /see/main anzusehen. Es geht dort eben nicht um schöne Buchstaben – dafür gäbe es den Handlettering Kurs, der für meinen Job aber viel zu langsam wäre. Es geht um Effizienz. Wenn ich später auf das iPad umsteige, schaue ich mir vielleicht den Digital Lettering Kurs an, aber momentan bleibe ich beim analogen Fineliner auf A4. Es ist direkt, ehrlich und funktioniert ohne Akku.
Mein Fazit nach fast zehn Monaten: Visuelle Übergaben sind mein größter Hebel für Klarheit. Ich schreibe dieses Tagebuch weiter, um dranzubleiben. Denn die nächste Textwüste lauert schon im nächsten Sprint-Review.