
Vier Formen. Mehr Werkzeug braucht es nicht, um in einem Meeting von der leeren Seite zur ersten Linie zu kommen — ein Quadrat, ein Pfeil, ein Punkt, ein Kreuz. Trotzdem ist genau das für viele Sketchnotes-Anfänger im Produktmanagement die größte Hürde: sichtbar zeichnen, während zehn Kolleginnen und Kollegen mitlesen könnten. Die Blockade sitzt selten im Handgelenk. Sie sitzt in einer Meeting-Kultur, die visuelle Notizen für unseriös hält, sobald jemand mit Kreisen und Pfeilen statt mit Bullet Points arbeitet.
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Vier Formen für den Meetingraum
Ein Rechteck fasst einen Gedanken zusammen — ein Thema, ein Feature, ein Risiko. Eine Linie verbindet zwei Rechtecke und zeigt, dass sie zusammenhängen. Ein Punkt markiert, was gerade wichtig wird, ein Kreuz, was blockiert. Mehr braucht die Grundausstattung nicht, und genau das nimmt einem Anfänger den größten Teil des Drucks.
Welches Icon-Set darüber hinaus für welchen Meeting-Typ funktioniert, ist ein Thema für sich. Wie diese vier Elemente zu einer lesbaren Seite werden — was oben steht, was klein bleibt, was Raum bekommt —, ist nochmal eine andere Frage. Für den Einstieg reicht die reduzierte Version völlig aus.

Nicht jede Form gelingt beim ersten Versuch. Aus einer Cloud-Skizze wird schnell etwas anderes, wie das durchgestrichene Beispiel oben zeigt — im Meeting fällt das seltener auf, als man befürchtet, weil die Zuhörer ohnehin auf die Verbindungen achten und nicht auf die Formgüte einzelner Symbole.
Die Angst sitzt in der Meeting-Kultur, nicht im Talent
Produktmanagement-Kultur beruht in weiten Teilen auf Text, Tabellen und Ernsthaftigkeit. Ein handgezeichnetes Symbol wirkt in dieser Logik schnell wie ein Kontrollverlust, obwohl es oft das Gegenteil ist. Wer während eines Gesprächs zeichnet und dabei Blickkontakt hält, wirkt konzentriert — nicht abgelenkt.
Dahinter steckt ein Prinzip mit Namen — die Dual Coding Theory —, auch wenn man den Namen für die Anwendung im Meeting nicht braucht: Verbales und Visuelles gleichzeitig zu verarbeiten, verankert Informationen zuverlässiger als reiner Text. In meinem Kalender standen zeitweise 62 Prozent der Arbeitswoche für Meetings, und in dieser Menge kippt jede Notizmethode, die nicht sofort funktioniert.
Ein Freund, der einen Podcast über Nachhaltigkeitsthemen produziert, hat meine Meeting-Skizzen neulich nur mit „sehen aus wie deine Show-Notes" kommentiert — treffender hätte ich es selbst nicht formuliert. Live vor einer ganzen Gruppe am Whiteboard zu moderieren ist dagegen nochmal eine andere Hausnummer als am eigenen Platz leise mitzuzeichnen, das gehört auf ein anderes Blatt.
Vom Kurs zur eigenen Zeichen-Grammatik
Die vier Grundformen habe ich nicht selbst erfunden. Sie stammen aus dem Sketchnotes Kurs, den ich parallel zum Alltag durchgearbeitet habe, und dort ging es ausdrücklich nicht um Kunst, sondern um funktionales Design für Business-Notizen. Welches Seitenlayout — radial, linear, in Spalten — sich für welchen Meeting-Typ eignet, ist eine andere Rechnung und würde hier zu weit führen.
Sichtbarkeit bewusst dosieren
Ein Punkt in Signalfarbe reicht oft, um im Nachhinein zu sehen, welche Zeile im Meeting wirklich wichtig war. Farbcodierung als eigenes Ordnungssystem ist ein größeres Thema, das über diese eine Markierung hinausgeht. Ein Posca-Tupfer, mit dem ich einen Blocker nachträglich hervorhebe, glänzt unter dem Neonlicht im Großraumbüro matt genug, dass der Blick eines Kollegen kurz hängen bleibt — aber nicht so auffällig, dass es nach Bastelarbeit aussieht.
Bei Video-Calls mit Kamera ist die Sichtbarkeits-Frage nochmal anders gelagert, weil das Blatt oft komplett aus dem Bild verschwindet — dazu an anderer Stelle mehr. Im Präsenzmeeting entscheidet meistens der erste Blick eines Kollegen darüber, ob das Zeichnen als Ablenkung oder als Fokus gelesen wird.
Auf dem Weg zurück vom Mittagessen durchs Schanzenviertel sortiere ich oft schon im Kopf, welche der vier Formen im nächsten Meeting drankommen.
Erst klein zeichnen, dann laut denken
Wie schnell man mitzeichnen kann, ohne das Meeting zu verlangsamen, ist eine Übungssache für sich und eher ein Thema für einen eigenen Artikel als für diesen. Der praktische Einstieg gelingt in kleinen Runden leichter: ein 1:1, eine kurze Abstimmung zu zweit oder dritt. Wer dort ein Rechteck und einen Pfeil unterbringt, ohne rot zu werden, ist bereit für die größere Retro oder das Stakeholder-Review.
Zeichnen lässt sich dabei als aktives Zuhören begreifen: Wenn sich die Verbindung zwischen zwei Modulen nicht zeichnen lässt, ist sie wahrscheinlich noch nicht verstanden. Ein einfaches Testkriterium hilft dabei — kannst du das Symbol einem Kollegen in einem Satz erklären? Wenn nicht, ist die Form zu kompliziert, nicht das Talent zu klein.
Der gescheiterte Versuch mit der GTD-App
Vor dem Zeichnen stand bei mir eine GTD-App mit Projekten, Kontexten und Tags — an einem ruhigen Sonntagabend sauber eingerichtet, mit klarer Struktur. Drei Wochen später hatte ich sie in keinem einzigen Meeting geöffnet. Ob Papier oder Tablet am Ende die bessere Wahl ist, ist übrigens eine eigene Rechnung — in diesem Fall lag das Problem ohnehin nicht am Werkzeug.
Der Grund liegt vermutlich in der unterschiedlichen Aufmerksamkeit: Beim Tippen wandert der Blick zum Bildschirm, beim Skizzieren bleibt er meistens oben, beim Gegenüber. Genau dieser Unterschied macht am Ende den Unterschied zwischen einer App, die niemand öffnet, und einem Notizbuch, das ständig aufgeschlagen daliegt.
In einer anderthalbstündigen Retro reichen inzwischen vielleicht drei kurze Blicke aufs Blatt — früher waren es in der gleichen Zeit locker zwanzig Blicke aufs Handy, auf der Suche danach, was eigentlich gerade besprochen wurde.
Ein Stakeholder fragt nach dem Meeting nach einem Foto

Während eines zähen Stakeholder-Reviews über eine API-Integration entstand nebenbei eine grobe Map: Boxen, Pfeile, ein paar Symbole für die beteiligten Datenbanken. Nichts Schönes, aber nachvollziehbar. Wie man Prozessflüsse speziell für Stakeholder aufbaut, die selbst nicht technisch sind, ist ein eigenes Kapitel — hier ging es nur um die grobe Richtung.
Ein Senior Stakeholder, der sonst nur auf Tabellen schwört, blieb nach dem Meeting an der krummen Verbindungslinie hängen und fragte, ob er ein Foto davon machen dürfe — die Skizze hätte die API-Logik schneller gezeigt als das mehrseitige Lastenheft, das seit Wochen ungelesen in Postfächern lag. Genau darum geht es: wichtige Informationen schneller zu filtern, für andere und für einen selbst.
Wann sich Sketchnotes im Produktmanagement lohnt
Zur Einschätzung hilft ein einfaches Kriterium: Wer nach einem Meeting die eigenen Notizen kurz danach schon nicht mehr entziffern kann, hat ein stärkeres Argument für die Umstellung als jede Meinung über Zeichentalent. Wer dagegen mit Text und Tabellen gut zurechtkommt und Protokolle auch Wochen später noch versteht, muss nichts ändern, nur weil es gerade Trend ist.
Mit Handlettering hat das Ganze übrigens wenig zu tun — bei Sketchnotes im Meeting zählen Tempo und Struktur, nicht die Schönheit der Buchstaben. Wer danach trotzdem Lust auf dekorativere Schrift bekommt, findet im Handlettering Kurs den passenden Ansatz, für den Einstieg im Meeting braucht es das aber nicht.
Das Notizbuch bleibt inzwischen offen auf dem Tisch liegen, auch wenn jemand darüberschaut. Mehr Veränderung war es am Ende nicht.